Die 'letzten Belgier' sprechen Deutsch
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Die 'letzten Belgier' sprechen Deutsch
Die 'letzten Belgier' sprechen Deutsch

Manifesta­tionen kollek­tiver Iden­ti­tät in den bel­gischen Ost­kan­to­nen – ein For­schungs­tage­buch

» Sie sind einer klischee­haften Rede­wendung zufolge die "letzten Belgier" (Wense­laers 2008; van Isten­dael 2011, S. 177ff.; Dams 2011), weil sie erst nach dem Ersten Welt­krieg ins König­reich Belgien ein­geglie­dert wurden. Und sie be­zeich­nen sich gerne selbst so, weil sie im Sprachen- und Kul­tur­streit zwi­schen Flamen und Wallonen der "lachende Dritte" sind und – dank groß­zügiger Auto­nomie – zu den loyal­sten Bel­giern über­haupt zäh­len: die deutsch­sprachi­gen Bel­gier, rund 70.000 an der Zahl. Sie sie­deln im Raum Eupen und Sankt Vith, gleich an der deut­schen Grenze, unweit von Lüttich, Aachen, Maas­tricht und Luxem­burg, mitten in Europa – und doch an der Peri­pherie.

Wie manifes­tiert sich die spezielle "eth­nische" oder natio­nale Identi­tät der deutsch­sprachigen Bel­gier im Alltag? Welche Spuren, welche "Arte­fakte" der kulturellen Selbst­definition sind mit ethno­graphischen Methoden im Sied­lungs­gebiet der deutsch­sprachigen Belgier zu finden? Wie kann man diese "Eigen­produk­tion" kollektiver Identi­tät analy­sieren und inter­pretie­ren?

Mit diesen und weiteren Fragen als Leit­faden begibt sich HdM-Professor Oliver Zöllner während seines For­schungs­semes­ters ins "Feld". Im Sommer­semester 2012 hält er sich mehrfach in Ost­belgien auf und erprobt auch seltener an­gewen­dete Metho­den der quali­tativen For­schung wie z.B. die Arte­fakt­analyse. Ziel ist, eine "Grounded Theory" der Identität der deutsch­sprachigen Bel­gier zu ent­wickeln (vgl. Strauss/Cor­bin 1998). In diesem Online-For­schungs­tage­buch (vgl. Bernard 1995, S. 180ff.) erstattet er ab sofort regelmäßig Bericht: über seine Erkennt­nisse, seine Fort­schritte und vielleicht auch die Limita­tionen der erprob­ten Metho­den. For­schung an der Grenze sozu­sagen – Heuris­tik ist nie ohne Risiko. (...)

Grenzen

Das heutige Ostbelgien ist "Grenz­land seit Menschen­gedenken", wie Alfred Minke, der Direktor des Eupener Staats­archivs, in einem von der Deutsch­sprachigen Gemein­schaft Belgiens unterstützten Tagungs­band detail- und material­reich belegt (Minke 2010). Nicht zuletzt spielen Grenzen "ihre Rolle im Identi­fikations­prozess der deutsch­sprachigen Belgier. (...) Sie dienen (...) zur Identi­tätsfindung" (Schleihs 2003, S. 28f.). Ethno­logisch ausge­drückt: "Grenzen stiften Ord­nungen, Zugehörig­keiten, Zusammen­gehörig­keiten, die gepflegt, erhalten, gesichert, vertei­digt, erzählt, begrün­det und erinnert sein wollen (...)" (Hart­mann 2000, S. 16).

"[B]order­lands are dis­tinct in that they pre­suppose a territory defined by a geopoli­tical line: two sides arbi­trarily separated and policed, but also joined by legal and illegal prac­tices of cross­ing and communi­cation" (Clifford 1994, S. 304).

Mit Blick auf Belgien insge­samt dürfen vor allem die inter­nen Sprach­grenzen (und die auf ihrer Grund­lage poli­tisch vehe­ment einge­forderten Macht­befug­nisse) als besonders prägnant gelten: "the country's inter­national borders are a mere forma­lity, its internal frontiers impos­ing and very real" (Judt 2006, S. 25). Das Markie­ren von Grenzen und ihre dis­kursiven Begrün­dungen können aus Sicht der Natio­nalismus- und Ethni­zitäts­for­schung gar als moderne Meta-Erzäh­lung verstan­den werden: "Ein an sich unplau­sibles und schwer prakti­kables System der Grenz­ziehungen wurde zu einer Selbst­verständ­lich­keit, zu einer gewal­tigen säku­laren Reli­gion" (Elwert 1989, S. 440). In diesen quasi-religiösen, rück­versichern­den Narra­tiven oder Mythen wird Geschichte rekon­struiert. "Menschen geben den Ereig­nissen Sinn, indem sie sie in die Form von Erzäh­lungen bringen – als 'Ge­schich­te' ordnen" (ebd., S. 441). Man könnte dies mit Roland Barthes als ein Verfahren bür­ger­licher Ideo­logie deuten: "etwas Zufälli­ges" soll als "etwas Ewi­ges" begrün­det werden (Barthes 2010, S. 294f.). In der großen Erzäh­lung, im Mythos verlie­ren die Phäno­mene des All­tags die Spuren ihrer Fabri­ziert­heit (ebd., S. 295), dass sie also Inter­essen gehor­chen und Willkür unter­liegen. Das For­schungs­projekt steht dem­nach vor der Frage: Wo sind die Grenzen? Wer hat sie gezogen? Was trennen diese Gren­zen? Zu welchem Zweck? Was ist ihre Bedeutung? In Form welcher Ver­ding­lichungen bzw. von was für Versatz­stücken begegnet man ihnen im Alltags­umfeld? Wer kon­stru­iert die Bedeu­tungen, die dahinter stehen? Also: Welchem "roten Faden" folgen die "Grenz­markie­rungen" der kollek­tiven Identi­tät im All­tag der Deutschs­prachi­gen Gemein­schaft Ost­belgiens? In diesem Sinne soll die Erzähl­ebene (Narra­tive, Mythen) mit der materi­ellen Ebene (Arte­fakte) ver­knüpft werden. (...)

http://www.research-worldwide.de/belgium.html

https://www.hdm-stuttgart.de/science/vie...rag_ID=122

"The secret to happiness is freedom... And the secret to freedom is courage."
Thucydides

“My country, right or wrong; if right, to be kept right; and if wrong, to be set right.” Carl Schurz

"Both oligarch and tyrant mistrust the people, and therefore deprive them of their arms."
Aristotle

"Right, as the world goes, is only in question between equals in power, while the strong do what they can and the weak suffer what they must." Thucydides
2016 Jun 06 23:13
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Phlegethon
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Factionist of the forlorn



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RE: Die 'letzten Belgier' sprechen Deutsch
Das übliche akademische Geschwurbel, wie üblich ohne relevanten Erkenntnisgewinn.


Not in haunts of marble chill,
Temples drear where ancients trod,—
Nay, in oaks on woody hill
Lives and moves the German God.

2016 Jun 06 23:28
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